199 Jahre im Verein

Sie denken nicht im entferntesten ans Aufhören, und das ist gut so. Zusammen gehören sie dem Handharmonika-Club Korb (HHC) 199 Jahre an: Ernst Singer (78), Josef Schaffer (75) und Werner Tochtermann (73). Sie beherrschen ein Instrument, welches heute selbst Musiklehrer nicht mehr spielen können, wie Werner Tochtermann sagt: die diatonische Handharmonika. Sie erzeugt auf Druck einen anderen Ton als auf Zug, und statt Tasten besitzt sie Knöpfe.

199-Jahre-Meldung
Ernst Singer, Josef Schaffer, Werner Tochtermann (v. links)

Ernst Singer war zehn Jahre alt, als er mit dem Unterricht auf der diatonischen Handharmonika begonnen hat. Eine Tante, die im Zuge der Kriegswirren eine Zeitlang bei Singers wohnte, hatte solch ein Instrument im Gepäck. Ernst Singer fing Feuer – und blieb dabei, bis heute. Die schnellen Läufe bereiten ihm jetzt, da er auf die 80 zugeht, manchmal Probleme, räumt er ein. Dann mogelt er halt, aber nur ein ganz kleines bisschen, was soll’s.

Josef Schaffer fällt es schwer, aus den ungezählten Stücken, die sie im Orchester in all den Jahren gespielt haben und noch spielen, ein Lieblingsstück auszuwählen. “Herz, Schmerz und dies und das” – ja, das mag der 75-Jährige heute noch genauso wie damals. Mit viel Liebe gestaltet er Notenblätter fürs Orchester und schreibt die fürs herkömmliche Akkordeon konzipierten Noten um, so dass sie zur diatonischen Handharmonika passen. Josef Schaffers beide Enkel spielen Akkordeon, und an deren Begeisterung fürs Instrument hat er zweifelsohne einen großen Anteil. Die “Knöpfletreffen” in Hagnau – das sind die Internationalen Diatoniker-Tage – versäumt er ungern. Dort kommen alljährlich Musiker zusammen, welche die Liebe zu einem mittlerweile kaum noch bekannten Instrument verbindet. Dieses Jahr sind Josef Schaffer und Werner Tochtermann bei dieser Veranstaltung gemeinsam aufgetreten.

Werner Tochtermann erinnert sich, wie er als achtjähriger Bub Mühe hatte, das Instrument zu tragen und ihm immer jemand helfen musste. Das hielt ihn nicht davon ab, seinem Instrument treu zu bleiben. Der 73-Jährige schätzt den “Riesen-Zusammenhalt” im Hobbyorchester des HHC sehr. Eine gemeinsame Fahrt nach Berlin steht jetzt an, dann die vielen Auftritte jedes Jahr – “da ist immer was los.” Alle zwei Wochen wird geprobt, und wenn wirklich alle kommen, zählt das Orchester genau 40 Mitglieder.

Jahrzehntelang, im Grunde gar das ganze Leben, einem Verein treu bleiben – das liegt heute nicht mehr im Trend. Für die – zusammen mit einem weiteren, vierten Musikanten – dienstältesten Vereinsmitglieder war und ist es genau das Richtige. All die Wanderungen, als man das Instrument mitnahm, unterwegs auspackte und spielte – wer möchte solche Erlebnisse missen. Früher hatten sie im Orchester einen Kameraden, der schlief manchmal während des Spielens ein. Man musste ihn nur ein wenig anstupsen – und schwupps konnte er nahtlos sein Spiel dort fortsetzen, wo er aufgehört hatte. Und dann war da noch der Schriftführer, der bei den Generalversammlungen immer versprach, er zahle die 20. Flasche Wein – wohl in der Hoffnung, so viele Bestellungen seien nicht nötig. Von wegen. Und wie sie sich seinerzeit mangels eines Schlagzeugs zu helfen wussten und einfach einen Instrumentenkoffer und einen Stock zu Hilfe nahmen, um den Takt zu schlagen. Zu den Anfangszeiten heizten sie bei den Proben im Gasthaus Löwen in Korb so richtig ein – und zwar sprichwörtlich und mit der Hand am Arm. Ansonsten hätten sie ordentlich gefroren und mit vor Kälte steifen Fingern nicht gut spielen können.

Damals gab es in Korb nur ganz wenige Vereine, man besaß keinen Fernseher und natürlich schon gar kein Smartphone. Wer was erleben und Gemeinschaft genießen wollte, der schloss sich einem Verein ein, beteiligte sich an Aktivitäten, freute sich auf die Ausflüge. Jugendliche leben heute ganz anders; “sie haben keine Zeit mehr”, fasst Ernst Singer die Unterschiede zusammen.

Er selbst verpasst genau wie seine Musikerkameraden möglichst keine Probe, auch wenn er es sich, des Alters wegen, wie er sagt, manchmal lieber auf der Couch bequem machen würde. Kommt nicht in Frage, zumal es gilt, die Tradition der diatonischen Handharmonika fortzuführen. Josef Schaffer: “Solange wir können, machen wir weiter.”

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